Die Dezember-Frist 2026 ist näher, als es scheint
Nach der Verordnung (EU) 2024/1183 — dem geänderten eIDAS-Rahmen, den die meisten inzwischen schlicht eIDAS 2 nennen — muss jeder EU-Mitgliedstaat seinen Bürgerinnen, Bürgern, Einwohnern und Unternehmen bis Ende Dezember 2026 mindestens eine konforme EU Digital Identity Wallet bereitstellen. Mit etwas mehr als acht Monaten bis zum Stichtag ist das Bild uneinheitlich. Eine Handvoll Länder betreibt bereits Live- oder öffentlich testbare Wallet-Umgebungen, eine größere Gruppe rüstet bestehende nationale eID-Apps auf, und eine kleinere Gruppe steht noch bei Rechtsgrundlagen, Entwicklerunterlagen oder geschlossenen Piloten.
Dieser Artikel ist die Momentaufnahme zum 27. April 2026. Wir aktualisieren ihn monatlich. Für Händler, die EUDI-Wallet-Verifikation in ihren Checkout aufnehmen wollen, und für Entwickler, die entscheiden, mit welchem nationalen Piloten sie zuerst integrieren, ist das die praxisnahe Übersicht.
Die vier Reifegrad-Stufen
Stufe 1 — Live-Wallet oder öffentliche Sandbox
Diese Länder stellen heute entweder einen walletähnlichen Produktivdienst für Endnutzer oder eine offizielle Sandbox beziehungsweise Testzugangsumgebung für externe Teams bereit. Die Fähigkeiten sind nicht identisch, und nicht jede nationale Live-Wallet ist bereits eine voll zertifizierte EUDI-Wallet.
- Dänemark — AltID. Die dänische Digitalisierungsagentur hat frühen Testzugang und ein Testwerkzeug für Empfangsflüsse geöffnet; die Bürger-App ist für Frühjahr 2026 geplant.
- Frankreich — France Identité / EUDIW Unfold. Frankreich bietet ein öffentliches Playground-Angebot und OpenID4VP-Verifier-Demos, während die aktuelle France-Identité-App noch von der vollständigen EUDI-Wallet nach Artikel 5a zu unterscheiden ist.
- Deutschland — staatliche EUDI-Wallet. Die offizielle Sandbox ist für Organisationen mit Testdaten live und derzeit der klarste Einstieg für Verifier-Integrationen in Deutschland.
- Italien — Sistema IT-Wallet in der IO-App. Italien wurde zuvor fälschlich als reines Entwicklerressourcen-Projekt behandelt. Die erste IT-Wallet-Version steht Bürgern seit dem 4. Dezember 2024 zur Verfügung, mit Millionen aktivierter digitaler Dokumente; EUDI-Interoperabilität und Zertifizierung entwickeln sich weiter.
Deutschland, Frankreich und Dänemark sind die stärksten Einstiegspunkte für öffentliche Sandbox-Arbeit. Italien ist anders gelagert: Es ist bereits ein nationaler Live-Wallet-Strang, aber noch keine allgemeine öffentliche EUDI-Verifier-Sandbox.
Stufe 2 — bestehende App mit sichtbarem EUDI-Pfad
Diese Länder haben bereits eine nationale eID- oder Wallet-App in Produktion, und der öffentliche Stand zeigt einen EUDI-Upgrade-Pfad, EUDI-Ausrichtungsarbeit oder ein glaubwürdiges staatliches Programm. Die Nutzer-App existiert; wie viel zur EUDI-Zertifizierung und zu externem Sandbox-Zugang öffentlich ist, unterscheidet sich je nach Land.
- Österreich, Belgien, Griechenland, Luxemburg, Polen, Portugal, Slowakei, Spanien, Tschechien, Ungarn, Zypern
Wichtige Korrektur: Zypern, Ungarn und Portugal sollten nicht als Länder ohne bestätigtes Projekt beschrieben werden. Zypern hat Digital Citizen, Ungarn das DAP-Programm für digitale Wallet/eID, und Portugal gov.pt / id.gov.pt. Ihre EUDI-Upgrade-Details sind weniger öffentlich als etwa in Österreich, Belgien, Griechenland, Polen oder Spanien, aber es sind keine Länder ohne Ausgangspunkt.
Stufe 3 — angekündigt, noch keine öffentliche Sandbox
Ein nationales Projekt existiert, aber es gibt noch keine allgemein verfügbare Sandbox, die externe Entwickler heute nutzen können. Tests können geschlossen, einladungsbasiert oder auf öffentliche Partner ausgerichtet sein.
- Estland, Irland, Kroatien, Lettland, Litauen, Malta, Rumänien, Slowenien, Schweden
Irland gehört in diese Stufe, nicht in Stufe 1. Die irische Regierung hat im April 2026 eine Konsultation und Registrierung von Interesse geöffnet; Teilnehmende können zu frühem Zugang eingeladen werden, aber das ist keine öffentliche Entwickler-Sandbox.
Stufe 4 — nur Entwickler- oder Rechtsmaterialien
Einige Dokumentationen, Rechtsmaterialien, Pilotberichte, Spezifikationen oder Referenz-Repositories sind öffentlich, aber es gibt noch keine allgemeine öffentliche Sandbox oder Produktiv-Wallet-Spur wie in Stufe 1.
- Bulgarien, Finnland, Niederlande
Bulgarien befindet sich vor allem in der Phase von Gesetzgebung und Entwicklerunterlagen. Finnland hat starke Piloterfahrung und öffentliche Dokumentation, aber keine allgemeine nationale Sandbox. Die Niederlande haben sichtbare technische Arbeit, haben aber auch signalisiert, dass die erste Version begrenzt sein könnte; Händler sollten den Markt daher bis zu klareren öffentlichen Tests als Terminrisiko behandeln.
Jenseits der EU-27
Drei nicht-EU-Beobachtungen, die es wert sind, im Blick behalten zu werden:
- Die Schweiz hat eine öffentliche Beta ihrer swiyu-Infrastruktur gestartet. Die Schweizer Identität liegt außerhalb von eIDAS, doch die Public Beta ist für Wallet-Interoperabilitätsmuster beobachtenswert.
- Moldawien plant beim Moldova Digital Summit 2026 eine EUDI Interoperability Arena, in der Teilnehmende Wallet-Interoperabilität testen können — ein ungewöhnlich konkreter Schritt für ein Kandidatenland.
- Die Ukraine, Norwegen und Island nahmen an den Large Scale Pilots der EU gemeinsam mit 26 Mitgliedstaaten teil und werden technisch voraussichtlich nachziehen, auch wenn ihr rechtlicher Status abweicht.
Was sich im April 2026 geändert hat
Drei prägende Ereignisse bestimmten den Monat.
15. April 2026 — Die Kommission kündigte an, dass die EU-App zur Altersverifikation technisch bereit sei und Bürgerinnen und Bürgern bald zur Verfügung stehen werde. Richtiger ist die Beschreibung als eigenständige Altersverifikationslösung auf Basis des EUDI-Wallet-Rahmens, nicht als vollständige Wallet selbst; die Kommission nannte kein EU-weites Ausrolldatum. Danach folgte eine vielzitierte Offenlegung eines Sicherheitsforschers, die die richtigen technischen Fragen zur lokalen Gerätesicherheit aufwarf, auch wenn die Schlagzeilen die Schwere überzeichneten.
8. April 2026 — Die Kommission veröffentlichte die Durchführungsverordnung (EU) 2026/798 zur Wallet-Einschreibung nach Artikel 5a Absatz 24 des geänderten eIDAS-Rahmens. Sie regelt, wie das Vertrauensniveau "substantial" mit zusätzlichen Remote-Verfahren zum Vertrauensniveau "high" kombiniert werden kann. Wen interessiert, wer wie in eine Wallet eingeschrieben werden darf, dem sei unser Erklärstück zur Durchführungsverordnung 2026/798 empfohlen.
3. April 2026 — ENISA kündigte die öffentliche Konsultation zum Entwurf des EUDI-Wallet Cybersecurity Certification Scheme (v0.4.614) an; die Prüfung läuft bis zum 30. April 2026. Jeder Mitgliedstaat muss bis Ende 2026 mindestens eine zertifizierte Wallet bereitstellen, weshalb das finale Schema direkt beeinflusst, welche nationalen Wallets zum Start als produktionsreif gelten. Was Verifier aus dem Entwurf herauslesen sollten, erläutert unser Erklärstück zum ENISA-Zertifizierungsschema.
Die Stufen aus Händlersicht lesen
Wer EUDI-Wallet-Verifikation noch dieses Jahr in sein Produkt bringen will, sollte folgende Reihenfolge einhalten.
Für die Integration mit Stufe 1 beginnen. Deutschland und Frankreich bieten das ausgereifteste öffentliche Verifier-Tooling; Dänemark stellt nun frühen Testzugang bereit; Italien ist nützlich, um einen nationalen Live-Wallet-Rollout zu verstehen, auch wenn Verifier-Zugang eine andere Frage ist. Unser OpenEUDI-SDK-Schnellstart führt durch den vollständigen Ablauf gegen eine Demo-Wallet und kommt dem Verhalten öffentlicher Sandboxes sehr nahe.
Für die zweite Jahreshälfte 2026 Stufe 2 einplanen. Spanien, Belgien und Österreich dürften dank hoher nationaler eID-Durchdringung besonders schnell nachziehen.
Stufe 3 und 4 als Jahresend-Risiko behandeln. Wenn Ihr Zielmarkt Irland, Bulgarien, Finnland oder die Niederlande einschließt, beobachten Sie die nationalen Ankündigungen und halten Sie einen Rückfall auf klassisches KYC bereit — für den Vergleich siehe unsere Analyse EUDI-Wallet versus klassisches KYC.
Grenzüberschreitende Verifikation ist der eigentliche Gewinn der EUDI-Wallet. Die paneuropäische Akzeptanz ist der ganze Sinn von eIDAS 2. Wer heute in mehrere Länder verkauft und länderspezifische KYC-Logik selbst pflegt, findet im Beitrag Grenzüberschreitende Verifikation für europäische Verkäufer den architektonischen Hebel.
Zur Debatte "Wird es bis Dezember 2026 wirklich fertig?"
Die Fachpresse Ende 2025 und Anfang 2026 hat begründete Zweifel geäußert, ob jeder Mitgliedstaat pünktlich zum Dezember 2026 sauber starten wird. Signicat, Namirial und Biometric Update haben allesamt skeptische Analysen veröffentlicht. Unsere Einschätzung der Evidenz: Der Rollout wird gestaffelt verlaufen. Die meisten Länder der Stufen 1 und 2 werden den Geist der Frist erfüllen und öffentlich nutzbare Wallets bereitstellen; Länder der Stufen 3 und 4 könnten eher Minimum-Viable-Wallets oder begrenzte Piloten ausliefern, die dem Buchstaben der Verordnung genügen, aber zum Start nur eingeschränkte Abdeckung in der Praxis bieten.
Das ist keine Krise. Es entspricht dem Muster bisheriger großer EU-Rollouts für digitale Infrastruktur. Es bedeutet aber: Bauen Sie keine Händlerintegration, die am Starttag eine einheitliche Wallet-Abdeckung in allen 27 Ländern voraussetzt.
Wie eIDAS Pro Schritt hält
Die Komplexität liegt nicht darin, sich für ein Land zu entscheiden. Sie liegt darin, 27 leicht unterschiedliche Wallets mit jeweils leicht unterschiedlichen Metadaten und einer bewegten Zeitachse zu handhaben. Genau dafür existiert der Managed Service von eIDAS Pro. Wir verfolgen jeden nationalen Rollout, abstrahieren die Unterschiede hinter einer einheitlichen Verifikations-API und liefern das länderspezifische Compliance-Mapping aus, damit Ihr Checkout korrekt bleibt, sobald eine Wallet produktiv startet.
Wer verstehen möchte, wie die Rolle des Verifiers unter eIDAS 2 tatsächlich funktioniert, findet die Antworten in unserem Leitfaden zur Relying-Party-Registrierung und in Was ist WRPAC und warum jedes Unternehmen bis Dezember 2026 eines braucht.
Aktualisiert am 27. April 2026. Nächstes Update: Mitte Mai 2026. Für einen Managed Verifier, der jeden nationalen Rollout für Sie verfolgt, siehe eIDAS Pros Managed-Pläne.
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